Liebe Freundin…

ich sehe überall Zeichen.
Oder habe ich nur eine verflucht selektive Wahrnehmung? Auf einer Zeitschrift las ich heute: „Sei mutig, nicht artig!“ Ich hab´ mich sofort angesprochen gefühlt. Wer auch immer diesen Satz auf diese Zeitschrift gedruckt hat, hat es für mich getan. Das war mir sofort klar. Doch dann wurde ich stutzig. Was bedeutet es überhaupt mutig zu sein?

Ist es mutig einen neuen Weg einzuschlagen und sich durch den dichten Nebel zu kämpfen, wie ein Held aus einer alten Saga? Oder wäre es ebenso mutig den alten, vertrauten Weg tapfer weiter zu gehen und sich einzugestehen, dass dieser doch genau das ist, was einem gut tut? Sich frei zu machen von jedweden äußeren Einflüssen und Menschen, die sich für mein Leben etwas anderes gewünscht hätten und einfach den Weg zu gehen, der zu mir passt egal ob neblig oder vertraut? Wäre es dann mutig für mich einzustehen? Mich wertzuschätzen und zu feiern für das, was ich bin, auch wenn andere es nicht tun? Für wen möchte ich mutig sein und wer hat mir beigebracht, was mutig sein bedeutet?

Wer auch immer diesen Satz für mich gedruckt hat, hätte es wahrscheinlich bereut, würde er diesen Brief lesen.
Denn wo ich nun schon nicht genau sagen kann, was es bedeutet mutig zu sein, ist es mit dem artig sein, auch nicht viel besser. Ich weiß, dass artig sein zumindest in meiner Kindheit bedeutet hat, möglichst wenig zu widersprechen und alle in unserem Hause geltenden Regeln einzuhalten. Die Belohnung war dann… ja was war die Belohnung dann? Ich erinnere mich nicht. Dafür erinnere ich mich genau, was los war, wenn ich nicht artig war. Zumindest das ist wahrscheinlich zum Großteil allgemein gültig und wird es für immer bleiben. Also warum genau sollte ich jetzt nochmal nicht artig sein? Ah, um das zu tun, was ich will, auch wenn es den Regeln widerspricht.

Wenn ich nur wüsste, was ich will. Dann wäre ich furchtbar unartig, um in jedem Fall mutig zu sein.

Du sagtest zu mir, du würdest jeden Weg mit mir gehen und dafür danke ich dir, denn was auch immer nun Mut bedeutet, mit dir an meiner Seite kann ich ihn haben.

Die innere Logik dahinter…

Viele Menschen glauben, sie müssten nur mutiger werden, um endlich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Doch oft liegt das eigentliche Problem tiefer:

Wer früh gelernt hat, angepasst, vernünftig oder „artig“ zu sein, verliert mit der Zeit häufig den Zugang dazu, was sich wirklich stimmig anfühlt.

Dann entstehen innere Fragen wie:

– Was will ich eigentlich wirklich?
– Treffe ich diese Entscheidung für mich oder für andere?
– Ist mein Wunsch echt oder nur die Angst, Erwartungen zu enttäuschen?
– Muss Veränderung immer mutig und außergewöhnlich aussehen?

Psychologisch betrachtet entsteht dabei häufig ein Spannungsfeld zwischen Anpassung und Selbstkontakt.

Viele Menschen orientieren sich unbewusst stark an äußeren Erwartungen, Bewertungen oder Vorstellungen davon, wie ein „gutes“, „mutiges“ oder „richtiges“ Leben aussehen sollte. Das Nervensystem bewertet Zugehörigkeit oft als sicherer als Abgrenzung. Deshalb fühlen sich eigene Entscheidungen manchmal gleichzeitig richtig und beängstigend an.

Besonders Menschen, die früh gelernt haben, Konflikte zu vermeiden oder Erwartungen zu erfüllen, verlieren häufig den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen. Nicht, weil sie keine hätten, sondern weil sie über lange Zeit stärker im Außen orientiert waren als bei sich selbst.

Dann entsteht oft genau dieses diffuse Gefühl:
Man weiß plötzlich gar nicht mehr sicher, was man eigentlich selbst möchte.

Der Wunsch nach Selbstbestimmung bedeutet deshalb nicht immer, laut oder radikal zu werden. Manchmal bedeutet er zunächst nur, wieder wahrzunehmen, was sich wirklich passend anfühlt, unabhängig davon, ob ein Weg besonders mutig, vernünftig oder außergewöhnlich wirkt.

Wenn dich solche inneren Dynamiken beschäftigen, findest du hier mehr über meine schriftliche Begleitung.